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Rezension
Eine Rezension von Johannes Schillo
über das Buch von:
Ingeborg Gleichauf
Hannah Arendt und Karl Jaspers – Geschichte einer einzigartigen Freundschaft
Wien u.a. (Böhlau) 2021, 197 S., 23 Euro
2020 startete die Ausstellung des Deutschen Historischen Museums „Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“ und warb dabei mit dem Spruch, ohne diese Frau sei das Jahrhundert nicht zu verstehen. Welche Verständnishilfen das Werk und die Lebensgeschichte der politischen Theoretikerin Arendt liefern können, macht jetzt die biographisch-geistesgeschichtlich angelegte Studie der Philosophin Ingeborg Gleichauf deutlich. Sie berichtet im Grunde von der „einzigartigen“ Freundschaft dreier Personen, denn der meistzitierte und -erwähnte Dritte im Bunde ist der Philosoph Martin Heidegger, der die beiden seinerzeit zusammenbrachte.
Anlass war eine eher unappetitliche Affäre: Der verheiratetet und auf seine Karriere bedachte Philosoph hatte Sex mit seiner Studentin, schob sie dann, um Aufsehen zu vermeiden, an die Universität Heidelberg ab, wo sein Spezi Jaspers ihr Unterschlupf gewährte und ihre von Heidegger inspirierte Augustinus-Dissertation durchwinkte. Heraus kam eins der groteskesten Werke der modernen Philosophie. Es balanciert, deutsch-lateinisch radebrechend, an der Grenze zur Unlesbarkeit und will den für seine körperfeindliche Sexualethik bekannten Kirchenvater ausgerechnet mit seinem „Liebesbegriff“ als Impulsgeber fürs heutige Philosophieren retten. Arendt hat die Schrift später nicht mehr veröffentlicht – vielleicht war dieser peinliche Start ins akademische Leben auch der Grund dafür, dass sie sich nachträglich von der Berufsbezeichnung „Philosophin“ distanzierte (vgl. 41).
Das entscheidende Kapitel des Buchs geht auf Heideggers Rolle als (zeitweise) führender Nazi-Philosoph ein. Heutzutage wird diese Rolle – genauso wie die spätere Legendenbildung der Heidegger-Schule – allgemein verurteilt. Zuletzt haben etwa Micha Brumlik mit seinem Essay über den Apologeten einer seinsgebundenen Volksgemeinschaft oder Peter Deckers Studie „Der konsequenteste Philosoph des 20. Jahrhunderts – Faschist“ den Gehalt der Seinsphilosophie kritisch ins Visier genommen. Seit Ende des 20. Jahrhunderts liegen ja auch zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt Heideggers „Schwarze Hefte“, vor, die die Legende vom „träumenden Knaben“ (63), der aus lauter Weltfremdheit ins NS-Fahrwasser geriet, widerlegen.
Diese Erkenntnisse werden auch von Gleichauf zitiert. Sie werfen für sich genommen schon ein bezeichnendes Licht auf den Umgang mit der NS-Zeit, der in der Adenauerära an der Tagesordnung war. Wie Gleichauf belegt, besteht aber der eigentliche Skandal darin, dass die jüdische Emigrantin Arendt und der Hochschullehrer Jaspers, der mit einer Jüdin verheiratet war, nach 1945 entscheidend an dieser Legendenbildung mitwirkten – wider besseres Wissen. Sie hätten „sich aus einer Haltung der Treue heraus davor gedrückt, der Wahrheit einer Verstrickung Heideggers in das NS System ins Auge zu blicken“ (63).
Das heißt, dass die beiden einem bekennenden Faschisten die Stange hielten. Sie verbreiteten die Unwahrheit – nicht in nebensächlichen Dingen, sondern zur Rechtfertigung eines Wegs, der immerhin zum „Zivilisationsbruch“ (Dan Diner) des 20. Jahrhunderts führen sollte. Bei dieser angeblichen Treue muss man zudem berücksichtigen, dass Heidegger bis in persönliche Fragen hinein eine schäbige Rolle spielte: Wenn es um die jüdische Herkunft bei Kollegen und Weggefährten ging, war er ganz auf Parteilinie.
So wird bei Gleichaufs – seltsam ergriffen vorgetragener – Beschwörung einer Freundschaft, die in völliger kommunikativer Offenheit stattgefunden habe, im Prinzip etwas anderes deutlich: die politisch-weltanschauliche Verlogenheit, die diese Geistesgrößen des Nachkriegs im Umgang mit der Öffentlichkeit (und untereinander) pflegten. Dazu passen die Mitteilungen (70ff), dass Jaspers Heideggers Opus Magnum „Sein und Zeit“ wahrscheinlich gar nicht gelesen hat, während der als Meister verehrte Seinsphilosoph die Schriften von Jaspers und Arendt ebenso ignorierte, möglicher Weise nur die Schlussseiten durchblätterte.
Alles in allem bietet das Buch so einigen Aufschluss über die Misere der Vergangenheitsbewältigung in Westdeutschland. Während Adorno damals in seinen berühmten Stellungnahmen zu einer „Erziehung nach Auschwitz“ klar Position bezog, wechselte Arendt schwülstige Briefe mit ihrem ehemaligen Liebhaber, hielt ihm eine unsägliche Laudatio und beschwerte sich parallel bei Jaspers, dass ihr an Adornos Schriften nichts „glaubwürdig“ erscheine, da sie darin nur ein „Durcheinander des Beliebigen“ entdecken könne (35).
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